Mehr Bier by Jakob Arjouni

Mehr Bier by Jakob Arjouni

Author:Jakob Arjouni [Arjouni, Jakob]
Language: deu
Format: epub
Published: 2011-12-18T16:00:00+00:00


4

Die Tür war angelehnt. Es war still. Ein bißchen zu still. Langsam schob ich die Tür mit dem Fuß auf. Die drei großen Spiegel, die links und rechts den Flur geziert hatten, lagen in Scherben über den hellen Teppich verteilt. Vorsichtig schlich ich zum Büro, von wo leises Wimmern kam. Ich ging hinein und fiel fast über einen zerbrochenen Stuhl. Der Schreibtisch war umgeworfen, drei Tischbeine staken in der Luft, das vierte lag im Chaos aus rausgerissenen Schubladen, Büchern und allen möglichen Papieren. Die Ledersessel waren aufgeschlitzt, aus den Löchern quoll Holzwolle. Die Papiere raschelten im Zug durch die zerbrochenen Fensterscheiben. An der Wand stand in großen schwarzen Lettern gesprüht: AKTIONSKOMMANDO FREIHEIT UND NATUR. Ich watete zum Wimmern im Schrank: abgeschlossen, und der Schlüssel war weg. Ich trat aufs Schloß, und mein Fuß verschwand krachend im Schrank. Drinnen jaulte Anastas auf. Schließlich brach die Tür raus. Dahinter krümmte sich Anastas im ein Meter breiten Kasten wie ein dickes Baby. Die Hände hatte man ihm mit seiner Krawatte zusammengebunden, und aus der Nase lief Blut. Die Folge des Tritts in die Tür. Anastas’ Augen waren mit einem Küchenhandtuch verbunden. Ich löste Schlips und Handtuch und zog ihn aus dem Schrank; dann half ich ihm auf die wackeligen Beine und setzte ihn in einen Sessel. Er lehnte sich zurück und schloß die Augen. Soweit ich feststellen konnte, war er nicht ernsthaft verletzt. Weder ein blaues Auge noch eine Zahnlücke, geschweige denn unnatürlich baumelnde Arme. Das Nasenbluten hatte aufgehört. Allerdings waren die Hemdknöpfe ausgerissen und die Wangen rot angeschwollen. Man mußte ihm ziemliche Ohrfeigen verabreicht haben. Mittlerweile war es saukalt. Ich schob Pappe vors kaputte Fenster, drehte die Heizung auf und machte mich auf die Suche nach einem Schluck wärmenden Alkohol. Als ich mit der halbvollen Flasche Remy Martin zurückkam, kroch Anastas suchend durch den Schutt.

»Hier, nehmen Sie, wird Ihnen guttun.«

Er betrachtete die Flasche, als wär’s der Tod, und jammerte: »Nein, bitte nicht!«

›Dann nicht‹, sagte ich mir, nahm statt seiner einen tiefen Schluck und ließ mich in einen Sessel fallen, bis ich begriff, daß Anastas auf allen vieren seine Brille suchte, und ihm half. Sie lag unter der Heizung. Das rechte Glas war zerbrochen. Er setzte sie auf und betrachtete das, was von seinem Büro übriggeblieben war. Dann holte er tief Luft, nahm mir die Flasche aus der Hand und trank einen guten Zentimeter weg.

»Zigarette?«

Er nickte. Nach ein paar Zügen sagte er: »Ich dachte, ich müßte in diesem Schrank sterben.«

»Von Ohrfeigen stirbt man nicht.« Er sah mich grimmig an.

»Ach ja? Sie Alleswisser. Und das hier?!«

Er streckte mir seinen Kopf entgegen und zeterte: »Sie haben mich geschlagen! Gefoltert!«

»Und wer war’s?«

»Wer! Meine Mandanten, ihre Freunde, ihre Sympathisanten, was weiß ich. Sehen Sie sich das an!«

Mit großer Geste wies er auf das Chaos. Ich nahm den Cognac und verzog mich wieder in den Sessel, während er weiter blaffte.

»Und überhaupt, Sie! Ihretwegen ist das ja alles passiert. Was glauben Sie, weshalb die hier waren? Damit ich Sie vor die Tür setze! Und ich will Ihnen was sagen, sofort zahle ich Sie aus, und damit ist unsere Zusammenarbeit beendet.



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